Der Arbeitsmarkt boomt. Aber 150.900 Jugendliche finden keine Ausbildung. Hä?

Zum 1. September starten eine halbe Million junge Menschen in Deutschland ihre Berufsausbildung. Obwohl es mehr freie Lehrstellen als Bewerber gibt, haben viele noch keinen Job gefunden. Woran liegt das?

„25.000 freie Lehrstellen in NRW“, „offene Ausbildungsplätze in Jena“, „Azubis dringend gesucht“ – deutsche Medien überschlagen sich derzeit mit solchen Schlagzeilen. Obwohl die Chancen auf den ersten Blick so gut aussehen, finden viele junge Menschen keine Ausbildung. Hier klären wir die wichtigsten Fragen.

 

Was ist das Problem?


Momentan gibt es in Deutschland 179.000 unbesetzte Lehrstellen. Das schreibt die Bundesagentur für Arbeit in ihrem aktuellen Monatsbericht. Gleichzeitig meldet die Behörde 150.900 Jugendliche, die mit der Schule fertig sind und gerne ihre Ausbildung anfangen wollen – aber einfach keine passende Stelle finden. Rein mathematisch klingt das Problem simpel: Auf 100 freie Lehrstellen kommen gerade mal 84 unversorgte Bewerber. Die könnten doch sofort mit der Arbeit beginnen, oder? So einfach ist es in der Realität leider nicht.

 

Woran liegt das?


Die Lehrstellen sind nicht da, wo die Bewerber wohnen. In Süddeutschland, dem Saarland und Hamburg sowie den zwei ostdeutschen Bundesländern Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern gibt es deutlich mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. Dagegen fehlen Lehrstellen vor allem in Berlin und Nordrhein-Westfalen aber auch in Hessen, um rechnerisch jedem gemeldeten Bewerber einen Job anbieten zu können.

 

 

 

In welchen Berufen gibt’s die meisten freien Ausbildungsplätze?

Die meisten unbesetzten Ausbildungsstellen gab es im Juli für Kaufleute im Einzelhandel, gefolgt von Verkäuferinnen und Verkäufern. Auffällig ist, dass mit Hotelfachleuten und Köchen zwei Jobs aus der Gastronomiebranche ganz oben bei den Suchanzeigen stehen.

 

In welchen Jobs sind die Chancen für Bewerber eher schlecht?


Deutlich weniger Ausbildungsstellen als Bewerber gibt es dagegen in Büro- und Verwaltungsberufen, in der Tierpflege, in Medienberufen oder in künstlerisch-kreativen Berufen. Dazu gehören Mediengestalter, Gestalter für visuelles Marketing oder Veranstaltungskaufleute.

 

Lässt sich in den nächsten Wochen noch ein Ausbildungsplatz finden?


Die Arbeitsagentur ist optimistisch: „Bis September werden erfahrungsgemäß noch viele bislang unversorgte Bewerber eine Ausbildung oder eine Alternative finden und Ausbildungsstellen noch besetzt werden.“ Na dann: Bewerbt euch!

 

Gibt es eine Lehrstellenbörse im Internet?


Ja! Da ist zum Beispiel die Lehrstellenbörse der Handwerkskammern. Das Handwerk bietet mehr als 150 Ausbildungsberufe an, die meisten Firmen suchen Nachwuchs in den Bereichen Gastronomie, Bau und Lebensmittelhandwerk. Außerdem könntest du dich bei der Lehrstellenbörse der Industrie- und Handelskammern umschauen. Aktuell werden allein mehr als 3.000 Bankkaufleute in ganz Deutschland gesucht! Außerdem wollen Betriebe derzeit besonders viele Industriekaufleute und Fachkräfte für Lagerlogistik ausbilden.

 

Orange by Handelsblatt, 11.08.2017, URL: http://orange.handelsblatt.com/artikel/31853

 

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